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Da steh ich nun mit meinem Bierchen beim Mischpult, am Tresen oder auf dem Balkon, sofern es einen Solchen gibt. Fern von der Masse, dem Mob, all dem Schweiß, dem umgeschütteten Bier und den durchschwitzten Körpern. Auch wenn man es mir nicht anssieht, ich stehe mittlerweile gerne hier, genieße das Konzert, singe ab und an mit und habe immer noch Spaß. Man glaubt es mir nicht, aber es ist so. Vereinzelt komm ich mit in die Menge, vielleicht weil es sich nicht anders ergibt oder ich gezwungen werde, doch dann fällt mir binnen Sekunden wieder ein, was mich hier so stört in der Menge. Es fängt an das ein Typ in der ersten Reihe während der Hauptband einen Schal so hält, dass die nächsten 5 Reihen hinter ihm maximal die Füße der Musiker sehen können. Als ob Bands nicht wissen wie sie heißen! Daneben gesellt sich ein Mädel auf den Schultern ihres Freundes, dass Gleiche in Grün. Langsam setzt der Pogo ein und wo eben noch ein verängstigtes jugendliches Blondchen die Horde anrauschen sah, bekam sie schon einen Ellenbogen auf ihre Nase. Wieder eine Frau weniger in diesen Reihen. Gibt ja eh so viele von denen hier. Ob Frau oder Mann, jede Person, die nicht am Pogo teilnimmt, freut sich immer sehr darüber, wenn verschwitzte und verklebte 150 kg gegen einen knallen. Dass man mit einem grimmigen „selber Schuld“ oder „Stell Dich doch nach hinten“ nichts anfangen kann, verstehen diese Menschen leider nicht, denn mit einer Körpergröße von unter 170 cm sieht man aus 70 m Entfernung leider nichts. Steht man doch vorne, wird man zerdrückt oder, wie schon beschrieben, hat Irgendwer Irgendwen auf den Schultern und schon fragt man sich, ob der Eintritt wirklich so viel wert war. Gibt eigentlich auch nichts Besseres als in das heulende Gesicht eines zerdrückten Mädels zu schauen, das gerade Schmerzen leidet, weil volltrunkene Leute keine Rücksicht in ihrem grenzenlosen Spaß nehmen. Den Fans in den ersten Reihen wird systematisch der Geldbeutel aus der Arschtasche geklaut, während man fröhlich den Fanclubbanner schwingt. “Ihr nennt es La Familia, passender ist alá Famila.”Aber nicht nur auf Fanseite fällt mir von hier vieles auf. Fans, Freunde im Geiste und der Musik, werden schnell zur aggressiven Herde, wenn aus einer Lappalie eine Schlägerei einsetzt. Grund: Der Laden ist so voll, die Bedienung so schlecht, langsam, überfordert und in der Unterzahl, dass Getränke mehr als 30min auf sich warten lassen. Da lässt man lieber 30 Leute mehr in die Halle und bringt den Laden zum Platzen als auf diese 30 zu verzichten, denn sind wir mal ehrlich: eine schnelle Bedienung bringt mehr Kohle in die Tasche des lokalen Veranstalters, als es manch reiner Eintrittzahler es tut. Spielt die Security nicht mit, ist man meistens auch verloren und kann nur hoffen, dass das DRK oder ähnliche Helfer vor Ort sind. Pseudoveranstalter versuchen zu oft eine schnelle Mark zu machen. So bleib ich schön hier im Hintergrund, singe mit und schüttel den Kopf, denn ihr da tut mir mehr als das eine oder andere mal leid. Auf euch wird keine Rücksicht genommen und solange bleib ich hier stehen und genieße mein Bier aus der Ferne, denn ob ich Menschlichkeit noch mal erwarten kann in diesen Reihen, dass bezweifel ich von Gig zu Gig mehr. © Sandro “Tiz” Mehlberg

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